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Verführung zur Unfreiheit – Erziehung und Schule im Nationalsozialismus

10 April 2014
 April 10, 2014

Ausflug ins westfälische Schulmuseum Dortmund

Auf der theoretischen Grundlage von Baldur von Schirachs Gebrauchspädagogik haben wir, die 14 Schüler und Schülerinnen des Pädagogik Grundkurses der Q2, am Donnerstag, dem 20.3. im westfälischen Schulmuseum in Dortmund auch praktische Bezüge zur Erziehung im Nationalsozialismus kennengelernt.

Unser Museums-Guide, Frau Kempf, führte uns zunächst in ein nachgebildetes Klassenzimmer, das der Zeit des Kaiserreichs entstammte. In den Schülerbänken zu sitzen und diese Zeit nachzuempfinden vermittelte uns eine neue Perspektive des Erlebens.
Frau Kempf verwies stetig auf die Unterschiede zwischen dem Kaiserreich und der NS-Zeit und erläuterte den Ablauf des Unterrichts beispielsweise an Hand von Schaubildern. Diese zeigten die vier Jahreszeiten, wie sie früher gelehrt wurden und unterstrichen vor allem die klaren Rollentrennungen und damals propagierten Rassenmerkmale. So wurden alle auf dem Bild befindlichen Personen blond und blauäugig dargestellt, Frauen waren für den Haushalt zuständig und Kinder halfen ihren Vätern auf dem Feld. Diese Ideale wurden Kindern schon seit ihrer Einschulung beigebracht und so wurden sie von Anfang an manipuliert. Frau Kempf legte uns nahe, dass die Nationalsozialisten die Wünsche und das Verlangen von Kindern missbraucht haben um sie zu regimetreuen Erwachsenen zu erziehen. Mit Lagerfahrten und Sonnenwendfeiern wurden die Jüngsten angelockt und erfuhren vor allem auch scheinbare Vorteile, wenn sie Organisationen wie der Hitlerjugend oder dem Bund Deutscher Mädel beitraten.
Besonders eindrücklich erzählte uns Frau Kempf von ihrem Vater, der selbst Opfer des Nationalsozialismus wurde. Er kann sich heute trotz seiner zunehmenden Demenz an jedes einzelne Detail seiner Kindheit erinnern, während alles Gegenwärtige, der Erkrankung geschuldet, nach kurzer Zeit vergessen wird. Dies verdeutlicht wie umfassend Kinder von dem Regime eingenommen wurden und hinterließ bei uns allen einen bleibenden Eindruck.

Im zweiten Ausstellungsbereich erfuhren wir, wie Schüler/-innen für das Winterhilfswerk vereinnahmt wurden, das auf den ersten Blick wie ein gemeinnütziges Programm wirkte. In Wirklichkeit wurden jedoch militärische Ressourcen finanziert. Auch wurde uns der Führerkult in Grundschulbüchern, sogenannten Fibeln, näher gebracht. Frau Kempf zitierte ein Exzerpt aus einem der Bücher, das jedes Schulkind verpflichtend lesen musste. Dieser Auszug zeigte, wie die Kinder für den Geburtstag ,,ihres Führers“ – gemeint ist Alolf Hitler –  begeistert wurden und wie auch den Lehrern die angebliche Wichtigkeit dieser Bücher vermittelt wurde.
Ein weiterer Teil der Ausstellung war die Hetze gegen Juden, die fächerübergreifend Teil des nationalsozialistischen Unterrichts war und mit der Kinder alltäglich konfrontiert wurden. So wurden Juden nicht als Glaubensgemeinschaft, sondern als „Rasse“ dargestellt. In den Illustrationen der Schulbücher zeigte sich eine stark negativ überzeichnete Darstellung im Vergleich zum Idealbild des Regimes. Im Mathematikunterricht mussten Kinder zum einen errechnen, wie viele Juden in Berlin Ärzte waren und zum anderen, wie viele Menschen sich dementsprechend von jüdischen Ärzten behandeln lassen mussten. Auch gegen körperlich und geistig behinderte Menschen wurde propagiert; im Rahmen der Euthanasie. Das NS-Regime duldete diese Menschen nicht und hetzte schon Grundschüler gegen sie auf. Der Hass wurde geschürt, indem die Erstklässler z.B. errechnen mussten, wie viel ein behinderter Mensch den Staat im Vergleich zu einem völlig gesunden kostete. Es war wirklich erschreckend Originale aus dieser Zeit zu begutachten und zu sehen, wie systematisch die Manipulation alle Unterrichtsfächer durchzog.

Schließlich konnten wir in der angrenzenden Lernwerkstatt mit Artefakten zu Aktivitäten im Jungvolk und Jungmädelbund arbeiten. Mit Schülerzeitschriften und Schulbüchern aus den Jahren 1933-1945, Zitaten von Zeitzeugen und Fotografien, konnten wir uns eigenständig auseinandersetzen und Fragebögen bearbeiten. Der Vergleich von unterschiedlichen Materialien – wie Zitaten und Ausschnitten aus Schülerzeitungen – machte die Arbeit vielseitig und abwechslungsreich und schloss gleichzeitig auch mehrere Perspektiven mit in die Auseinandersetzung ein.

Ich bedanke mich hiermit im Namen unseres Kurses bei Frau van Impel, die uns ins Museum begleitet hat und dank der wir über so ein breites Vorwissen verfügt haben und bei Frau Kempf, die uns sehr anschaulich und interessant die Erziehung zur Unfreiheit erläutert hat. 

 

Sophie L. , Q2.2

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