Die Zeit des Nationalsozialismus und die Judenverfolgung waren Thema im Religionsunterricht der zehnten Klassen. Zum Abschluss der Unterrichtsreihe hatten diese die Möglichkeit, einer Überlebenden des Holocaust zu begegnen. „Fragt uns, wir sind die letzten!“ Unter diesem Motto bietet das Maximilian-Kolbe-Werk digitale Zeitzeugengespräche an. So erlebten die Religionskurse mit ihren Fachlehrern Herrn Brunner, Frau Roth und Herrn Soyka die sympathische alte Dame Henriette Kretz, die über ihre Erfahrungen und die Verfolgung berichtete.
Geboren wurde sie 1934 im polnischen Stanisławów, das heute in der Ukraine liegt. Nach dem deutschen Überfall auf Polen floh die Familie nach Lemberg und wurde kurz darauf gezwungen, in ein Ghetto umzuziehen. Von dort ging es später in ein Arbeitslager, dann zurück ins Ghetto. Als das Ghetto liquidiert werden sollte, überlebte die Familie in verschiedenen Verstecken – hinter einem Schrank oder in einem Kohlenkeller ohne Licht. Doch sie wurden entdeckt und Henriette musste miterleben, wie ihre Eltern vor ihren Augen erschossen wurden. Das letzte Wort ihres Vaters war der Zuruf an sie: „Lauf! Lauf!“ Henriette rannte fort, versteckte sich und fand Unterschlupf in einem katholischen Waisenhaus, wo sie bis zum Ende des Krieges blieb, geschützt von Schwester Celina.
Eine Geschichte war für die Jugendlichen besonders berührend: „Das ist ein Wunder. Als ich im Gefängnis war – ich war das einzige Kind unter lauter Frauen – ging die Tür auf und ein kleines nacktes Baby, noch mit Nabelschnur, wurde in den Raum geworfen. Ich habe meinen Mantel ausgezogen und das Baby da hineingewickelt. Zwei Tage später durfte ich das Gefängnis verlassen“. Die Mutter des Babys war im Gefängnis gestorben. Das Baby, Georg Bander, hat überlebt und stand seiner Retterin Henriette Kretz Jahre später, jetzt als erwachsener Mann, gegenüber. Das, was sie ein „Wunder“ nennt, hat er in ein Gedicht gefasst:
Geburt
Es knarrte der Schlüssel in dem Schloss.
Durch die offene Tür warf jemand ein neugeborenes Baby,
nackt und mit Blut bedeckt.
Keiner kannte die Mutter – und so kam noch ein Jude auf die Welt.
Mädchen, du hast deine Jacke gegeben,
um das Baby einzuwickeln.
Gott hat dich gerettet, um Zeuge zu sein,
dass ich geboren bin und dass ein Wunder geschah.
Jüdische Frauen haben das Leben gegeben
so wie meine Mutter, die ich nie kennenlernen werde.
Wunderbare Madonnen, die in Belzec schlafen.
Ich lebe, um ihnen ein Lied zu singen.
Und solange ich lebe, soll mein Gesang nicht aufhören.
Die Welt soll sich erinnern, dass ein Verbrechen geschah.
Das Schicksal hat mich verschont,
um am frühen Morgen da zu sein,
um weiter zu singen,
um nicht zu vergessen,
so lange das Gedächtnis reicht.
„Wir wollen, dass die Generationen nach uns so etwas nicht mehr erleben“, sagt Henriette Kretz und möchte eine Brücke aus der Vergangenheit in die Gegenwart bauen: „Ausgrenzung beginnt ganz schnell, ein Grund findet sich immer. Seht einen Menschen immer als Menschen!“ Trotz der traumatischen Erlebnisse vermittelt sie nicht Gedanken von Hass und Vergeltung. Ihre Botschaft an Jugendliche ist: „Ich wünsche euch, dass ihr in einer friedlicheren Welt leben könnt. Ich erzähle meine Geschichte, damit ihr wisst, was geschehen ist, und begreift, dass Diktatur und Extremismus immer zu Krieg und Zerstörung führen. Für eure Zukunft könnt ihr einen besseren Weg wählen. Das ist meine Hoffnung.“
Für die Zehntklässler war es eine sehr eindrucksvolle Begegnung, die noch länger nachwirkte. Einige Schülerinnen und Schüler haben Frau Kretz anschließend persönliche Briefe geschrieben.
(S. Felbecker)


