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Schulgeschichte

Abitur am CHG 1935 - die Mode hat sich geändert, das Portal ist geblieben!

Die Geschichte des heutigen Carl-Humann-Gymnasiums geht über 300 Jahre zurück.

Mit seinem, übrigens selbstgeschriebenen, Testament vom 22. Juli 1697 bestimmte Leo Hertiger, der seit 1664 in Steele als Vikar seelsorgerisch wirkte, sein Vermögen zur Gründung einer schola Latina trivialis, einer einfachen Lateinschule. Dieses Testament übergab er am 26. April 1700 dem Notarius Wilh. Francis. Weßelmann zu treuen Händen. Am Rande: Im gleichen Jahr 1697 bauten die evangelischen Christen in Steele ihre erste eigene Kirche, Vorgängerin der heutigen Friedenskirche, die seit jeher ebenso zum Leben der Schule gehört wie die katholische Laurentiuskirche. Der Lateinunterricht wurde bis 1802 ununterbrochen erteilt, für die Jahre unmittelbar danach ergeben die vorliegenden Aufzeichnungen kein klares Bild.

1841 müssen die Vertreter der damaligen Stadt Steele erstmals den Versuch unternommen haben, die bisher ja kirchlich gebundene Lateinschule zu einer weltlichen zu machen und – dies auf Kosten der Stadt. So der Gemeinderats-Beschluss vom 10. August 1852. Die Genehmigung zur Errichtung dieser Rektoratsschule erfolgte am 21. Oktober 1854; sie nahm ihre Arbeit zunächst in der Straße Alte Zeilen auf, ab 1856 in zwei Unterrichtsräumen im Waisenhaus (Franziska-Christine-Stiftung). Obwohl seit 1860 auch die Einkünfte aus der Hertiger-Stiftung wieder der Schule zu Gute kamen, waren die finanziellen Schwierigkeiten häufig so gravierend, dass immer wieder Forderungen nach Auflösung geäußert wurden. Der Wirtschaftsaufschwung nach dem Krieg 1870/71 wirkte sich aber so günstig aus, dass der Steeler Stadtrat einen Schulneubau beschloss. 1877 wurde das Gebäude des heutigen „Grend“ an der Ecke Westfalen-/Paßstraße bezogen.

In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde der Ausbau der Schule zu einem Progymnasium energisch vorangetrieben. 1897 wurde eine Obertertia, 1898 eine Untersekunda eingerichtet, 1899 folgte die endgültige Genehmigung zur Einrichtung des Progymnasiums. 1901 kam Geheimrat Anton Wirtz vom Essener Burggymnasium als Schulleiter nach Steele und unter seiner Leitung es kam zum Ausbau der Schule zu einem Vollgymnasium mit Obersekunda (1901), Unterprima (1902) und Oberprima (1903). Ostern 1904 legten die ersten acht Schüler die erste Reifeprüfung ab. Wenig später, am 17. Mai 1904, wurde der dringend notwendig gewordene Neubau am Laurentiusweg bezogen. Der damalige Bürgermeister Schulz und Schulleiter Wirtz hatten entsprechende Neubaupläne vorbereitet.

1901 schrieb die Stadt Steele einen Wettbewerb unter den Mitgliedern des Architektenvereins in Köln aus. Den ersten Preis erhielt der Kölner Architekt Otto Müller. Mit dem Bau wurde 1902 begonnen. Konzipiert war der Bau im Stil der „deutschen Renaissance“, wie sie um die Wende vom 19. Zum 20. Jahrhundert wohl geschätzt wurde: Ein auf polygonalem Grundriss angelegter dreigeschossiger Massivbau. Der vorspringende Eingangstrakt am Laurentiusweg, der wie der Sockel bruchsteinsichtig ist, wird durch einen geschweiften Giebel abgeschlossen und weist eine reiche und repräsentative Fassadengliederung auf, zum Beispiel bei der Portalrahmung mit gekuppelten Vollsäulen und Dreiecksgiebel. Bezeichnend ist der geschossweise Wechsel zwischen rund- und kielbogigen sowie rechteckigen Fensteröffnungen im Erdgeschoß zum Laurentiusweg hin. Im Inneren fallen die säulengestützte Kreuzgratwölbung der Treppenhalle mit Treppe und Geländer, die Fußbodengestaltung und mehrflügeligen Türanlagen als Gestaltungselemente auf.

Vom ehemaligen Gesamtkomplex sind der Flügel mit der Direktorenwohnung und die alte Turnhalle nicht mehr erhalten. Sie wurden in den 1960er Jahren abgerissen, darüber weiter unten.
Über dem Eingangsportal stehen die zeitgenössischen Widmungsworte:
M U S I S
P A T R I A E D E O
(Den Musen, dem Vaterland und Gott)
In seiner Ansprache zur Einweihung des Gebäudes ging Schulleiter Wirtz darauf ein:
„Den Musen ist unser Dienst geweiht… Die Jugend also der Segnungen einer solchen auf Geist und Körper sich erstreckenden, die Natur des ganzen Menschen erhöhenden Bildung teilhaftig zu machen, das ist die hehre Aufgabe der Erziehung, die hier fortan ihre Pflegestätte finden soll… Erziehen wir die Jugend nach diesen dargelegten Grundsätzen, wer wollte dann bestreiten, dass wir dem Vaterland mit unserem Wirken im wahrsten Sinne des Wortes dienen… Wir dürfen die Erziehung für die himmlische Heimat nimmer vergessen. Unsere Zöglinge sollen mit einer klaren festgegründeten religiösen Überzeugung, mit wahrer Gottesfurcht und Gottesliebe durchdrungen werden…“

Unter den Widmungsworten steht seit 1935 der neue Name der Schule: Karl Humann Gymnasium. Die Idee zu dieser Namensgebung wurde in einer Ausstellung in der Schule über bedeutende Persönlichkeiten aus Steele und Essen, zu dem die vorher selbständige Stadt Steele seit der Eingemeindung 1929 gehörte, geboren. Der Festakt zur feierlichen Namensgebung fand am 22. Juni 1935 statt; mit dabei war die damals 85 Jahre alte Schwester Carl Humanns, auch eine Büste Humanns neben dem Haupteingang wurde dabei feierlich eingeweiht.

Carl Humann wurde am 4. Januar 1839 in Steele geboren. Sein Elternhaus stand am Nordende des heutigen Kaiser-Otto-Platzes und wurde 1929 abgebrochen. Als Ingenieur entdeckte er in Bergama (Westtürkei) die Ruinen des Pergamon-Altars und begann 1878 auf dem Burgberg mit Ausgrabungen eines Reliefs, das den Kampf der Giganten gegen die griechischen Götter darstellt, sowie eines zweiten, des sogenannten Telephos-Frieses. Die Ausgrabungen kamen 1886 zum Abschluss. Für die gefundenen Fragmente wurde bereits 1901 in Berlin das erste Pergamon-Museum eröffnet, dem 1930 ein Neubau auf der Museumsinsel folgte.

Aus der Frühzeit der Schule ist nicht zuletzt auch die Schulfahne aus dem Jahre 1894 erwähnenswert, die auf der Vorderseite die Darstellung Mariens mit Jesus zeigt und die Schrift SEDES SAPIENTIAE trägt, auf der Rückseite das Steeler Wappen umrahmt von der Schrift INITIUM SAPIENTIAE TIMOR DOMINI (Der Anfang der Weisheit ist die Gottesfurcht).
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Der 2. Weltkrieg brachte dramatische Einschnitte in das Schulleben. Gleich in den ersten Kriegswochen wurde Schulleiter Dr. Grutkamp einberufen; so sollte bis 1947 Dr. Ferdinand Gaillard das Carl-Humann-Gymnasium kommissarisch leiten. Ab Februar 1943 wurden Schüler der Unter- und Obersekunda zu Flakbatterien eingezogen – zunächst in Überruhr, wo sie in 18 Wochenstunden noch von Mitgliedern des Lehrerkollegiums unterrichtet wurden. Nach dem Großangriff auf Essen am 5. März 1943 wurde die Schule als Notquartier für Ausgebombte belegt, im April 1943 begann die Kinderlandverschickung. Das Schulgebäude erlitt kurz vor Kriegsende im März/April 1945 durch einen Bombentreffer sowie durch Artilleriebeschuss schwere Beschädigungen, die ab August 1945 notdürftig behoben wurden, so dass der Unterricht am 2. November 1945 wieder beginnen konnte.
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Die Nachkriegszeit war zunächst geprägt durch die zeittypische massive Raumnot. In den Räumen des Carl-Humann-Gymnasiums war bis zur späten Mitte der 1950er Jahre auch das damalige Humboldt-Gymnasium untergebracht, dessen Innenstadt-Bau im Krieg zerstört worden war. Dazu kamen weitere Räume im Gebäude der benachbarten Laurentius-Volksschule sowie eine Baracke auf deren Schulhof, allgemein „Schacht Zwo“ genannt. Das alles war natürlich nur mit Schichtunterricht zu organisieren – mal vormittags, mal nachmittags, in beiden Gebäuden.
Das entscheidende Ereignis der 1950er Jahre war zweifellos der Aufbau des mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweiges am Carl-Humann-Gymnasium. Die Idee dafür wurde 1952 „geboren“, die Vorbereitungen verliefen geradezu konspirativ, nicht zuletzt unter dem Aspekt der Raumnot. Denn als der Rat der Stadt Essen schließlich „Ja“ zu dem Projekt sagte, vorangegangen war ein Elternabend für die ganze Schule im Februar 1953 mit äußerst positivem Votum, sagte das Ministerium in Düsseldorf zunächst „Ja, aber…“ … die Stadt müsse diesem neuen Zweig am CHG auch ein neues Haus bauen.

So geschah es, tatsächlich. 1954 kam die Genehmigung des math.-naturwissenschaftliche Zweiges, 1955 wurde erstmals eine U III m eingerichtet, im Oktober des gleichen Jahres die Fundamente für diesen ersten Erweiterungsbau am CHG gelegt, der 1957 bezogen wurde. Auf drei Etagen bot (und bietet) er neben einer – für damalige Verhältnisse – großzügigen Pausenhalle Klassenräume sowie Fachräume für Biologie (Erdgeschoss), Physik (1. Stock) und Chemie (2. Stock). Im gleichen Jahr 1957 wurden die ersten Sextaner eingeschult, die Englisch als erste Fremdsprache lernen sollten. Im Nachhinein ein zunächst einmaliger Versuch, der sich vorläufig nicht durchsetzen sollte, das CHG beharrte auf Latein als Anfangs-Fremdsprache. Vorläufig.

Auch die Raumnot war nur vorläufig behoben. Zwar konnte die Humboldtschule ein neues Gebäude in der Innenstadt beziehen, aber Mitte der 1960er Jahre musste erneut gebaut werden. Dem zweiten Erweiterungsbau fiel das alte Direktorenhäuschen zum Opfer, auch die alte Turnhalle wurde durch einen zeitgemäßen wesentlich großzügigeren Bau ersetzt. Eine Aula bekam das CHG trotz entsprechender Vorstöße aber nicht – bis heute. Jene Jahre waren erneut durch eine Persönlichkeit an der Schulspitze geprägt, die das CHG bis 1966 ähnlich kommissarisch führte wie Dr. Gaillard im Krieg: Oberstudienrat Walter Becker, der spätere erste Leiter des Essener Aufbaugymnasiums. Und es kam eine grundlegende organisatorische Neuerung dazu: Die Verlegung des Schuljahresbeginns von Ostern auf den Herbst erforderte zwei sogenannte Kurzschuljahre, das erste von Ostern bis November 1966, das zweite von November 1966 bis Sommer 1967.

Noch gravierender waren die Ereignisse der 1970er Jahre: 1972 kamen die ersten Sextanerinnen zum CHG. Hatte das über Jahre und Jahrzehnte rein männliche Lehrerkollegium schon Ende der 60er Jahre die ersten weiblichen Mitglieder begrüßt – bis dahin war die Schulsekretärin das einzige weibliche (aber sehr durchsetzungsfähige) Wesen hier gewesen -, startete in jenem Olympiajahr die Koedukation am Laurentiusweg. Und das recht problemlos. Als wesentlich umstrittener dagegen erwies sich die „Oberstufenreform“, die in den kommenden Jahrzehnten ungezählte Nachfolger in den Schulalltag werfen sollte. Ihr fiel auch, naturgemäß, der mathematisch-naturwissenschaftliche Zweig wieder zum Opfer. Und es erwuchs erneut eine Raumnot, die nicht mehr durch Neubauten an Ort und Stelle behoben werden konnte. In den 80er Jahren war das CHG in der Helene-Lange-Schule zu Gast, dem einstmaligen Steeler Lyzeum, bis der freigewordene Gebäudekomplex einer früheren Hauptschule an der Jacob-Weber-Straße als Dépendance zur festen Einrichtung wurde. Am Hauptgebäude war zwischenzeitlich der Schulhof in den frühen 1980er Jahren wesentlich vergrößert und das gesamte Gebäude erstmals überholt worden; ab 1995 folgte nach Aufnahme des Baus in die Denkmalliste der Stadt eine aufwendige Renovierung der Fassaden.

Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts erlebte die Feiern zum 150jährigen Bestehen der Rektoratsschule und zum 100jährigen des ersten Abiturs. Als mindestens ebenso einschneidend wie die ersten Sextanerinnen 1972 sollte sich die Neubesetzung der Schulleitung erweisen: Am
01.04.2009 kam Doris Mause als erste „Chefin“ ans CHG – wie gut ein Jahrhundert zuvor Anton Wirtz vom Burggymnasium, wo notabene Carl Humann selbst die Schulbank gedrückt und das Abitur absolviert hatte. Gemeinsam mit ihrem Stellvertreter Stefan Uhlmann und einem in den vergangenen Jahren deutlich verjüngten Kollegium schaffte sie die erfolgreiche Umstellung der bis 2012/13 neunjährigen Schulzeit am CHG auf acht Jahre, das sogenannte „G8“. Eine weitere Umwälzung, auf die das CHG in seiner mittlerweile 110jährigen (oder, ab 1854, sogar 160jährigen) Geschichte zurückblicken kann. Es wird nicht die letzte bleiben.

Autor: Rolf Michael Simon, Vorsitzender des Ehemaligenvereins

Quellen:
Archiv des Carl-Humann-Gymnasiums;
Festschriften 1954, 1979, 2004;
Humann-Kurier (Mitteilungen des Ehemaligenvereins)